Buchverlage im Dilemma

Buchverlage sehen sich heute im Umbruch. Stimmt! Zum Teil. Die Situation hält zwar nun schon seit fast zwei Jahrzehnten an, trotzdem fällt es ihnen immer noch schwer, mit "den neuen" Herausforderungen umzugehen.

Dilemma #1

Da ist zum einen die Neuorganisation der Absatzkanäle: Der klassische, stationäre Buchhandel bekommt Konkurrenz vom Versandhandel, allen voran von Amazon. Nur: Warum Konkurrenz? Jeder Produkthersteller wäre froh, wenn es einen ergänzenden Absatzkanal gäbe, der Produkte, die vor 20 Jahren neu waren, heutzutage immer noch anbieten würde. Stattdessen Rufe wie "Zeter und Mordio", ein Könnte-sein-Monopolist schreibt einer Branche die Rabattstaffeln vor. Sorry, aber: Kein Mitleid.

Während die Hersteller von Schokoriegeln oder Hygieneprodukten, deren Produkte deutlich schneller altern als Bücher, gewohnt sind, mit den großen Absatzketten die Rabattvolumina zu verhandeln, denkt die Buchbranche, einen Feind gefunden zu haben, der am vermeintlichen Niedergang der Kultur die größte Verantwortung trägt. Die Verlage sind eben mal so in der globalen Handelsrealität angekommen. Kein Grund zur Sorge. Zumindest, solange der Wille für eine Lernkurve existiert. Aber das kriegt ihr hin, liebe Verlage.

Dilemma #2

Das zweite Thema ist die Erweiterung der Herstellungsprozesse. Bücher werden heute nicht nur gedruckt, sie werden auch in unterschiedlichen digitalen Formaten ausgeliefert. Das ist natürlich anstrengender, als nur den Herstellungsprozess für ein gedrucktes Produkt zu betreiben, den man noch dazu seit mehreren hundert Jahren kennt. Das dringendere Problem ist, dass die Aufregung darüber entweder zu einer Lähmung oder zu überbordendem Aktionismus führt. Beides keine guten Voraussetzungen, die Produktionsprozesse Schritt für Schritt an die Erfordernisse des Marktes und die eigene Kostenstruktur anzupassen. Also: keep cool, auch das kriegt ihr hin, liebe Buchverlage. Nur nicht eben alles auf einmal wollen, aber mutig einen Schritt nach dem anderen gehen.

Dilemma #3

Und was die meisten leider gar nicht tun, ist mit Selbstbewusstsein der Welt zu sagen, worin die Daseinsberechtigung der Verlage letztlich besteht. Ihr schafft Kultur! Ihr erfindet neue Kulturgattungen. Ihr sorgt für eine Auswahl und Verbreitung von Denken, Einsichten, Visionen, Fantasien und Poesie, die ohne euch nicht entsteht. Ob das Taschenbuch, das Kurzessay über französischen Poststrukturalismus, den Groschenroman oder den Historienschinken, ihr sorgt für immer neue Genres und stattet es mit Inhalten aus. Ihr schafft Lesevergnügen und Grundlagen für gesellschaftlichen, politischen und künstlerischen Diskurs, Einsichten oder Entwicklungen. Das thematisieren heute nur noch die Feuilletons, ihr selbst aber nicht mehr wahrnehmbar. Ändert das bitte!

Ein Leben ohne Produkte aus Verlagen ist nicht lebenswert, es entbehrt der Qualität. Ihr habt eine Daseinsberechtigung und eine riesige Fangemeinde. Also hört auf zu jammern, geht eure Herausforderungen an, macht, was ihr wirklich gut könnt und redet darüber!

Eigene Meinung? Kein Problem:


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